Zuerst einmal wuensche ich allen ein frohes neues Jahr! Ich hoffe, Ihr hattet einen guten Rutsch. Ich jedenfalls werde den Jahreswechsel von 2009 auf 2010 so schnell sicherlich nicht vergessen.
Am 29.12. hat mich mein Gastvater Tsutomu zum zwei-naechtigen Homestay abgeholt. Er hatte bereits vorher angekuendigt, dass wir mit seinen Freunden eine Party feiern wuerden. Also ging es nach Tochio-machi (栃尾町), direkt in einen Izakaya (居酒屋, japanische Bar/Pub). Nach und nach trudelten die Freunde von Tsutomu ein.
Waehrend wir verschiedene Snacks zu uns nahmen (Aburaage, Kimchi, …) und uns gegenseitig kennen lernten gab es jede Menge Bier und heissen Sake. Obwohl ich recht schnell darauf bestand, nur Bier zu trinken, bekam ich immer wieder Sake in die Hand gedrueckt. Das naechste Bier stand auch schon auf dem Tisch, sobald das Glas halb leer war.
Kurz nachdem Kazuhiros Frau Aki mit der unglaublich suessen zweijaehrigen Kokona dazukam, ging es nach einem Gruppenfoto weiter zum Yakiniku-Essen. Dazu gab es die geilste Sauce, die ich je gegessen hab – da die naechsten Tage noch herumerzaehlt wurde, wie sehr mir diese geschmeckt hat, hat man mir das wohl auch gut angemerkt.
Die Sprachbarriere war vorhanden (ausser Tsutomu konnte keiner Englisch), fiel aber interessanterweise mit zunehmendem Alkoholkonsum ab. Wir hatten auf jeden Fall alle eine Menge Spass. Im Anschluss an das Essen ging es dann ins recht moderne Haus von Kazuhiro und Aki. Das Wohnzimmer wurde ganz klar von einem maechtigen HD-Fernseher dominiert. Nebenbei: In den naechsten Tagen fiel mir eines auf. Viele japanische Familien haben den Fernseher scheinbar ununterbrochen im Hintergrund laufen. Auf jeden Fall taten wir uns dann auch am deutschen Bier guetlich, welches ich mitgebracht hatte. Dunkel erinnere ich mich auch noch daran, dass irgendwann Rotwein ins Spiel kam.
Der naechste Morgen (geschlafen wurde bei Kazuhiro und Aki) brachte dann dementsprechend ein im wahrsten Sinne des Wortes boeses Erwachen. Weiter ins Detail gehe ich an dieser Stelle nicht.
Auf jeden Fall ging es mir den ganzen Tag ueber richtig schoen grottig – verdienterweise. Die Geschichte des Gaijins, der im Sake trinken unglaublich tsuyoi ist (強い; stark, widerstandsfaehig), wurde die naechsten Tage gern erzaehlt – inklusive aller Nachwirkungen. Mir war das unglaublich peinlich. Viel geholfen hat dabei aber, dass die Japaner zumeist alles verzeihen, was beim Feiern oder als Auswirkung dessen geschieht. Anders ist es auch nicht zu erklaeren, dass ich am naechsten Tag von Aki eingeladen wurde, ueber Sylvester im Haus ihres Vaters zu uebernachten.
Doch dazu spaeter mehr – zunaechst einmal hiess es naemlich: ab auf die Piste! Am Party-Abend hatte sich ergeben, dass die komplette Truppe seit Jahren Snowboard und Ski faehrt (sprich: im zarten Alter von 3 Jahren das erste Mal). Als sie feststellten, dass ich die Leidenschaft teilte, wurde spontan ein Snowboard-Trip ins Leben gerufen. Am naechsten Morgen praesentierte man mir eine komplette Snowboardausruestung. Board, Boots, Jacke, Hose, Muetze, Handschuhe, Skibrille. Und dazu alles Burton, also Markenware. die Boots waren zwar etwas klein, fuer einen Tag aber grad noch ertragbar. Trotz Kater und Restalkohol hat es eine Menge Spass gemacht!
Abends konnte ich dann auch wieder essen – von Aki hausgemachtes, superleckeres Karee (カレー, aus dem englischen Curry). Danach ging es mit Tsutomu nach Niigata-shi (新潟市). Er lebt dort zusammen mit seiner Frau in einem kleinen Apartment. Geheiratet haben die Beiden am 1.1.2010 – der Grund, warum ich nicht ueber Sylvester bei ihnen bleiben konnte.
Nach ein wenig Small-Talk und einem heissen Bad ging es dann auch schon in den Futon, wir waren alle gut geschafft.
Am naechsten Tag unterhielten wir uns hauptsaechlich und halfen uns gegenseitig mit Englisch beziehungsweise Japanisch. Mittags gab es Running Sushi. Dabei erfuhr ich, dass dies fuer die meisten Japaner eine sehr willkommene Essgelegenheit ist. Traditionell japanisches Essen ist fuer viele Japaner zu teuer, um es auswaerts zu geniessen – Running Sushi dagegen ist guenstig und gut. Nachmittags fuehrte mir Tsutomu noch das Fussbodenheizsystem vor, welches er vertreibt. Da die Technik dahinter extrem effizient ist, wird sie mittlerweile auch fuer Spiegelheizungen, Sitzheizung (beides im Auto) und noch einiges mehr verwendet. Da seine Firma derzeit weitere Produktanwendungen sucht, haben wir dann noch ein bisschen Brainstorming betrieben. (Falls ihr Ideen habt, immer her damit!
) Dann ging es auch schon wieder nach Tochio-machi – dieses Mal in das Haus von Akis Vater.
Ich war sofort beeindruckt. Es handelte sich naemlich um ein traditionell japanisches Haus. Schiebetueren, Holzbohlenboden im Flur, im Wohnzimmer ein wunderschoener Butsudan (仏壇, Altar fuer die Ahnen) sowie ein unter der Decke angebrachter Kamidana (神棚, ein kleiner shintoistischer Altar). Abgesehen davon war es in den Fluren so kalt, dass man seinen Atem sehen konnte. Geheizt wurde in den Raeumen mit Gasheizern und Aircon. In einem weiteren kleineren Wohnzimmer stand neben einem riesigen HD-Fernseher und einem Dackel im Kaefig auch ein in dieser Jahreszeit echt toller Kotatsu (炬燵, beheizter Tisch).
Mein Sylvesterabend begann nun mit einem extrem leckeren, von Ichirou (市郎, Akis Vater) zubereiteten Abendessen: Shabu-Shabu-Nabe und Sashimi (roher Fisch). Einfach nur gut. Dabei bekamen die Kleinen Otoshidama (お年玉, Geldgeschenk zu Neujahr) ueberreicht. Ichirou ueberrumpelte mich voellig, indem er auch mir einen kleinen Toy-Story-Umschlag, in dem Geld steckte, mit den Worten “Onii-san mo” (“der aeltere Bruder auch”) in die Hand drueckte.
Den weiteren Abend verbrachten wir mit Kennenlernen, Fernsehen und viel mit den beiden Kleinen spielen. Das Baby Sora (大空, grosser Himmel) von Yoshinori (芳紀) und Yuma (由真) machte seinem Namen alle Ehre: es konnte nicht genug davon kriegen, gepackt und durch die Luft gewirbelt zu werden. Die restliche Zeit verbrachte er damit, alles in den Mund zu stecken, was nicht niet- und nagelfest war. Kokona (心樹, Herz und Baum) hingegen musste erst noch ihre Schuechternheit ueberwinden – danach gab es Verfolgungsjagden, wilde Kaempfe und Versteckspiele. Besonders begeistern konnte ich sie mit Grimassen, die sie dann natuerlich fleissig nachgemacht hat. Das war wirklich ein Heidenspass.
Aki (亜妃) lernte in unseren Gespraechen meinen Palm lieben und liess es sich nicht nehmen, unzaehlige Woerter und Kanjis nachzuschlagen. Yoshinori (芳紀) demonstrierte zwischendrin seine Kalligraphie-Kuenste. Er ueberlegte sich auch Kanjis fuer meinen Namen ラース (gelesen: Raasu). 羅逢澄 ist das, was ihm gerade einfiel. Eine wirkliche Bedeutung steckt da nicht hinter beziehungsweise muss ich nochmal nachschlagen. Gegen halb elf fuhren wir dann los zum Schrein, um der Neujahrstradition Hatsumode (erster Schrein- oder Tempelbesuch des Jahres) nachzukommen. Dabei werden ueblicherweise Omamori (お守り, Talismane) erworben. Nach gemeinsamer Beratung entschied ich mich fuer einen kleinen Handy-Anhaenger, der Gesundheit verspricht. Im Anschluss erwarb man fuer mich einen Pfeil. An diesem haengt nicht nur ein Holztaefelchen, auf dessen Rueckseite man seine Wuensche fuer das Jahr schreibt und dieses dann am Tempel oder im eigenen Zimmer aufhaengt, sondern man erwirbt damit auch das Recht, die Moenche fuer sich beten zu lassen. In meinem Fall fuer Kenkou, Gesundheit. Danach ging es an das eigentliche Gebet, wie ich es schon kannte. 5 Yen werfen, verbeugen, beten, verbeugen und dann die Glocke laeuten – in diesem Fall zusammen mit der kleinen Kokona.
Danach fuhren wir wieder heim. Nach einem heissen Bad, welches ich als Gast zuerst benutzen durfte, taten wir uns am Kotatsu sitzend an ebenfalls von Ichirou selbstgemachten Neujahrssoba guetlich. Extrem lecker! Nach ein bisschen Fernsehen und Plauschen ging es dann gegen zwei Uhr in den Futon. Dieses Mal mit untergelegter Heizdecke, weil Heizer und Aircon ueber Nacht ausgeschaltet werden und das Haus wie gesagt eiskalt war.
Gegen neun Uhr morgens gab es bereits Osechi – das traditionelle Neujahrsessen. Dazu zaehlten in meinem Fall Suppe mit Mochi, Kuromame (schwarze Sojabohnen; da Mame auch Gesundheit bedeutet stehen sie fuer Gesundheit im neuen Jahr), zusaetzlich noch mit Blaettern versetzter Mochi, der mit extrem suessem Pilzpulver gemischt wurde. Es gab noch mehr, nur leider erinnere ich mich daran nicht mehr so gut. Ich hatte auf jeden Fall gut mit dem Mochi zu kaempfen. Der Geschmack an sich ist lecker (vor allen Dingen zusammen mit Anko, roter Bohnenpaste), nur die Konsistenz ist extrem klebrig und zaeh. Man kaut also sehr lange darauf herum. Lecker war es wie gesagt trotzdem, zumal wieder selbstgemacht. Danach gab es in einer Maennerrunde Neujahrsbier. Wie es sich in Japan fuer den Gastgeber gehoert, schenkte uns Ichirou immer wieder nach. Und das gegen 10 Uhr morgens…
Sehr lustig ist uebrigens auch die Tatsache, dass ich einen Hatsuyume hatte – einen Neujahrstraum. Dieser sagt angeblich voraus, was einem im neuen Jahr erwartet – da es ein sehr spezieller Traum war, weiss ich nicht wirklich, ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen ist. Aber wir werden sehen…
Nach einigen weiteren Unterhaltungen kamen noch Nachbarn vorbei, um ein frohes neues Jahr zu wuenschen. Dies ist sehr verbreitet, meist werden Geschenke wie Bier ueberreicht. Schliesslich hiess es dann auch schon Abschied nehmen. Zusammen mit Aki, Kazuhiro und Kokona fuhr ich heim nach Nagaoka. Dabei hatten wir noch einige interessante Gespraeche ueber deutsche und japanische Autos und einiges mehr. So stellte sich zum Beispiel auch heraus, dass aus der gesamten Clique noch keiner in Kyoto gewesen war – aus Geldgruenden. Schon erstaunlich irgendwo. Zudem bekam ich noch den Tipp, den grossen Neujahrssale am 1. und 2. auszunutzen. In dieser Zeit koenne man die besten Schnaeppchen machen.
Andrea und ich haben uns dann nachmittags auch direkt in das Shopping-Getuemmel geworfen. Und Getuemmel ist hier genau das richtige Wort, es hat bestimmt zwanzig Minuten gedauert, bis wir einen Parkplatz gefunden haben. Schoenerweise bin ich mit zwei Pullijacken und sechs paar Socken (endlich!!) auch fuendig geworden. Alles guenstiger als sonst!
Diese paar Tage waren auf jeden Fall eine sehr interessante, lustige und schoene Zeit. Ich habe viel gelernt, was Japanisch angeht und einen kleinen Einblick in verschiedene japanische Lebensarten beziehungsweise Lebensbedingungen erhalten. Obendrein habe ich sehr nette Menschen kennen gelernt, die ich hoffentlich nicht das letzte Mal gesehen habe. Vor allen Dingen habe ich das erhalten, was ich mir bei der Wahl der Universitaet in Nagaoka erhofft habe: einen kleinen Einblick in das doerfliche und eher traditionelle Japan.
Darueber bin ich ueberaus gluecklich… am liebsten waere ich dageblieben und gar nicht in meinen doofen Wohnheimsraum zurueckgekehrt!






































Hallo Lars!
Ein frohes neues Jahr!
Ein sehr schöner Bericht.
Gruß Daniel
Hey, danke! Wuensche ich dir natuerlich auch.